Freitag, 23. November 2012
Vor einer langen, langen Zeit...
… hab ich mal Blogeinträge geschrieben. Jetzt ist es wohl mal wieder Zeit dafür. Angeblich soll es ja Leser geben. Ich hatte einige sehr anstrengende Tage. Das ist zwar jetzt noch nicht besser, aber dennoch nehme ich mir die Zeit, mal wieder zu schreiben. Also kommt jetzt eine Kurzfassung dessen, was bisher passiert ist.

Mein Mann ist da! Ich freu mich noch jetzt jeden Tag riesig darüber! Er hat sich gut eingelebt, Nudeln zum Frühstück findet er super, er kann schon alleine Essen bestellen und seit etwa einer Woche haben wir ein Lieblingsrestaurant für uns ausgemacht, wo wir eigentlich jeden Abend essen. Dank ihm war ich an einem Sonntagmorgen um 6 Uhr frühstücken, was ein wirkliches Erlebnis ist. Um 6 Uhr sperren die Karaokebars zu, weshalb auf einen Schlag Unmengen von Leuten auf der Straße sind. Und diese ganzen jungen chinesischen Studenten frühstücken erst mal, ebenso wie die ausländischen Studenten, die gerade aus der Disko kommen. Dazwischen sitzen dann die Bauarbeiter, die vor Arbeitsbeginn noch was Essen. Eine sehr bunte Mischung.

Es war deutscher Stammtisch. So nennt sich diese Art von Veranstaltung, organisiert von deutschen Muttersprachlern und Leuten, die gut deutsch sprechen. Es war etwas seltsam. Es gab „deutsches“ Essen, also tonnenweise groben Kartoffelsalat, der nicht sonderlich schmeckte, Nudelsalat, anderen Salat, Grillgut (am Ende irgendwie nicht mehr durch) und Pizza vom Lieferservice. Dazu hat dann das Ganze Publikum gequatscht. Naja. Aber es war ein sehr schönes Bild, wenn sich ein Tunesier, ein Chinese und ein Kanadier auf Deutsch unterhalten.

Dann war internationales Kulturfestival. Das ist eine riesige Veranstaltung, die jedes Jahr an der Wuhan University stattfindet. Besucher bekommen eine Art Reisepass und jedes Land, also jeden Stand, den sie besuchen, stempelt ein Visum hinein. Die Stände werden von den ausländischen Studenten der jeweiligen Nationalität betrieben. Für die sind die Visa Nebensache, Hauptsache irgendwas an die Leute bringen und daraus etwas Profit schlagen. Sehr international, sehr interessant. Es waren sehr viele Länder vertreten, insbesondere auch afrikanische. Auch die Komoren, Seychellen, etc. Andere Länder waren z.B. Ghana, Südkorea, Nordkorea (die feschen jungen Männer in Anzügen mit Parteianstecker stehen auf deutsches Bier zum Frühstück), Pakistan, Saudi-Arabien (Männer in langen weißen Gewändern, die im Beduinenzelt voller Teppiche am Feuer Tee kochen), Japan, Tadschikistan, Nepal, Indien, Mongolei, Italien, Niederlande, Togo, Benin, Dominikanische Republik, Vietnam, Ukraine, Großbritannien, Türkei, Syrien, Kamerun. Davon viele in traditioneller Kleidung. Ich habe leider nicht sehr viel davon gesehen, weil ich am deutschen Stand war. Ursprünglich wären wir nur zu viert gewesen, aber Lars musste seinen Urlaub absagen, weil er doch Vorlesungen hatte, und half aus. Dazu kamen noch zwei Chinesinnen und mein Mann. In doppelter Besetzung konnten wir gerade so alles managen. Wir hatten ein Quiz geplant, aber daran gab es kein Interesse. Im Hintergrund unseres Standes hingen schon vorgefertigte Plakate mit grottenschlechten Infos über Deutschland und Fotos aus Frankreich. Wir haben uns bei Metro eingedeckt, und deutsche Speisen und Getränke angeboten: Orangensaft, Bier (hell und dunkel), Wiener Würstchen mit Senf und belegte Brote (die waren der Renner, sie waren billig, aber auch nicht sehr deutsch, süßes Toastbrot mit Butter, Ketchup, Bierschinken und Toastkäse). Wir rotierten! Aber es war trotzdem schön, und hat sich rentiert. Unsere Kalkulation war aber falsch, schon Samstagmittag mussten wir bei Metro Nachschub holen. Letztlich haben wir etwa viermal mehr verkauft als erwartet.

Dazu kam, dass ich mal wieder die Eröffnungsrede halten durfte. Kurzer Anruf von ‘nem Lehrer: Ousha, du machst das doch, oder? Na klar. Wenigstens musste ich sie nicht selber schreiben. Dafür haben sie mir Samstagmorgen, eine halbe Stunde vor Beginn, gesagt, dass meine Rede nicht passt. Was, das ist deine Rede? Das kann nicht sein, die ist doch viel zu kurz! Hier, das ist die richtige! Also nochmal fix geübt. Lief auch nicht so gut, ich war zu schnell und hab nicht ein Mal von meinem Blatt aufgeschaut. Aber egal, ich hab's gemacht.

Unimäßig ist es sehr stressig. Auf einmal geben alle Hausaufgaben, ähnlich wie die Belege in Dresden auf, und die ersten Prüfungen nähern sich. Leider.

Die Luftfeuchtigkeit macht Probleme, es ist kalt und regnet viel. An allen Scheiben sammelt sich Kondenswasser, das nicht wegzubekommen ist. Nach dem Duschen trocknet das Handtuch nicht. Von Wäsche ganz zu schweigen. Naja, das Gute daran ist, dass meine Haare sich in absoluter Höchstform präsentieren. Dick, glatt und geschmeidig.

So, das war meine kurze Zusammenfassung. Bis zum nächsten Mal!



Dienstag, 6. November 2012
Nachtrag
Mit einiger Verspätung gibt es jetzt meinen Blogeintrag, der eigentlich am Wochenende fällig gewesen wäre. Ich kam einfach nicht dazu. Ich komm noch nicht mal zum Tagebuch schreiben.

Und weil ich ja so schön viel Zeit hab, mach ich doch gleich mal ein paar Fächer mehr für die Uni. Ich hab ja sonst nix zu tun. Also, eines meiner gewählten Fächer beginnt morgen. Zweimal die Woche eine neue Vorlesung, mal sehen wies wird. Interessehalber möchte ich nächste Woche in einen Kurs von Eli gehen, und in einem anderen bin ich jetzt auch mit ihr. Den kompletten Montagvormittag. Versteht mich nicht falsch, ich wollte den Kurs nicht belegen. Aber Samstagabend kam ein Anruf vom Professor, ob ich denn nicht den Kurs belegen will. Er ist auch vom GNSS Zentrum, an dem ich studiere (sozusagen mein Institut), da konnte ich schwer nein sagen. Immerhin sind die Kurse mit Eli zusammen auf Englisch, da fällt das Vokabular nachbearbeiten aus.

Es ist jetzt Herbst geworden, und zwar sehr schnell. Die Sonne ist immer noch sehr stark, wenn sie scheint wird es warm. Aber die Luft ist kalt, tagsüber nur 15 Grad, nachts um die 5. Wer jetzt sagt, ach komm, das ist doch gar nichts, in Deutschland hat's schon geschneit, dem zieh ich die Ohren lang! Setzt euch nur in eure schön beheizten Häuser, während ich hier friere! Die Fenster sind alle generell undicht, in meiner Wohnung ist ein von einer Tapete verdecktes Loch, für die Klimaanlage, die irgendwann mal kommen soll. Also alles sehr durchlässig. Und keine Heizung. Wirklich gefroren habe ich zum ersten Mal an einem sonnigen Tag, 17°C. Das ist nichts, mag man sich denken. Aber morgens hat es noch geregnet, folglich waren meine Turnschuhe nass. Und dann saß ich damit den ganzen Tag in meinem nach Norden ausgerichteten Computerzimmer, bei offenen Fenstern. Ich saß mit dicker Jacke und Strumpfhose da, und trotzdem habe ich gefroren. Der Regen ist auch so eine Sache für sich. China betoniert gern und alles. Mein Weg zur Uni besteht aus Beton, relativ unregelmäßig. Bei Regen verwandelt sich das alles in ein Gewirr aus Bächen und Seen, da das Wasser ja nur an sehr wenigen Stellen abfließen kann. Und dann die gewohnte Menge an Leuten, nur jeder dreimal so breit, da mit Regenschirm ausgestattet. Und, wie immer, schleichen sie mit Trippelschritten vor sich hin. Da krieg ich jedes Mal die Krise!

Im Wohnheim bin ich kaum mehr, ich fühle mich sehr wohl in meiner neuen Wohnung. Was ich am meisten liebe, ist der Blick aus dem Fenster. Wenn sich nachts bei schönem Wetter die Uferbeleuchtung in der Wasserfläche des Nanhu spiegelt, wenn die Hochhausfassaden morgens und abends schräg angestrahlt werden, wenn graue Wolken über die Stadt ziehen. Oder wenn man sich bei Nebel fragt, was denn da für Gebäude auf der anderen Straßenseite stehen. Wenn ich heimkomme, stelle ich mich meist erst mal auf den Balkon und genieße die Aussicht. Im 20. Stock zu wohnen hat schon seine Vorteile.

Ich esse immer besser, immer ausgiebiger. Nix Nudeln, es geht ins Restaurant. Und wenn nicht, dann gibt es tonnenweise Baozi und Windbeutel. Zusammen mit meiner sportlichen Untätigkeit, naja, ändert sich mein Körper etwas. Letzte Woche war ich zweimal koreanisch und zweimal japanisch essen. Lecker.

Zwei kleine Unierfolge hatte ich auch. Nach nur einer von zwei Wochen Bearbeitungszeit habe ich meine Berechnungen im Fach Zeitreihenanalyse abgegeben. Als eine von dreien, da haben meine Kommilitonen ganz schön geschaut. Und heute durfte ich, als eine von sechs, die Powerpointpräsentation über trigonometrische Höhenmessung auch noch vortragen. Und ich bin für mein Chinesisch gelobt worden, und dass ich so anders denke, und alles schön auf den Punkt bringe. Nur mein Fachvokabular war nicht so ganz zutreffend. Vertraut nicht auf Wörterbücher! Der Kommentar des Professors war in etwa so: Naja, man versteht schon, was du sagen willst, aber in China sagen wir das nicht so. Naja, lief besser als erwartet.

Im Vorhinein habe ich gehört, Wuhan sei so dreckig und hässlich. Ich finde es sehr schön hier! Insbesondere Wuchang, also der Teil südlich des Jangzi, wo ich wohne. Viel Grün, viele Bäume und natürlich Seen. Nadine meinte, Wuhan ist blau. Und sie hat absolut Recht damit! Nein, damit ist nicht Wasser gemeint! Wuhan renoviert sich, alles wird neu- oder umgebaut. Und Bauzäune sind in China nun mal blau. Und sie sind wirklich überall. Ja, und die Luftverschmutzung. Man müsste meinen, hier gäbe es eine hohe Feinstaubbelastung. Aber ich kann euch beruhigen, hier gibt es keinen Feinstaub. Nur Grobstaub. Ich habe einen weißgefliesten Balkon. Ich wische ihn jede Woche, nur um mich jedes Mal wieder zu wundern, wie weiß er doch eigentlich ist! Lars hat von weißen Pullovern berichtet, die frisch an der Leine an der Luft getrocknet nicht mehr weiß waren. Und wenn ich nach dem Duschen mein Gesicht in einem frischen Handtuch versenke, hole ich tief Luft und genieße den Duft der Autoabgase.



Samstag, 27. Oktober 2012
Eine anstrengende Woche mit schönem Ausgang
Ich habe eine sehr unberechenbare Woche hinter mir. Es lief immer alles anders als geplant. Montags war die Vorlesung statt nach drei Stunden schon nach einer zu Ende, dienstags war ich für die Übung gar nicht nötig, mittwochs waren auf einmal schriftliche Hausaufgaben zum Abgeben fällig. Und das war nur der Uniteil! Nichts lief so wie geplant. Mal wollte ich im Wohnheim schlafen, brauchte aber plötzlich Sachen aus der Uni und meiner Wohnung, sodass ein längerer nächtlicher Spaziergang nötig wurde. Statt den Nachmittag an der Uni zu verbringen, war ich auf einmal in meiner Wohnung, weil ich da was erledigen musste, und so weiter. Planen war überhaupt nicht möglich. Das Ganze hatte aber auch Vorteile, so verschlug mich ein nachmittägliches Mittagessen in ein vorzügliches Restaurant gleich ums Eck. Dort werde ich wieder hingehen!

Eine Freundin von mir hatte Geburtstag, drum habe ich ihr ein Stück Kuchen gekauft. Der war lecker (ich durfte probieren), und ich hab in dem Laden endlich meine vergeblich gesuchte „Raupe“ widergefunden, ein mit Vanille gefülltes Gebäck. Das werde ich mir heute noch holen. Auch auf die Windbeutel bin ich absolut gekommen. Vor allem werden viele chinesische Backwaren und Kuchen, also die traditionellen, nicht die modernen, nach Gewicht verkauft. Was das für die Windbeutel heißt, kann man sich denken.

Mitte November ist das Kulturfest an der Uni, wo jedes Land einen Stand aufbaut, um sich zu repräsentieren. Die Planungen laufen auf Hochtouren. Hat jemand von euch Ideen, was man als deutscher Stand nicht vergessen sollte?

Nach dieser anstrengenden und regnerischen Woche, folgte ein regnerischer, aber feierlicher Freitag – das islamische Opferfest. In China gibt es einige Muslime, wobei ich mehr mit den arabischen Studenten zu tun habe. In Erinnerung an Abraham, der seinen Sohn geopfert hätte, wird an diesem Tag traditionell ein Schaf geschlachtet. Und zwei davon bin ich über den Weg gelaufen. Am Donghu standen schon einige junge chinesische Männer um ein gemütlich Grünzeug vor sich hin kauendes Schaf herum, und am Wohnheim hat es ganz laut geblökt. Direkt neben dem internationalen Büro. Der dortige Chef hat versucht die Besitzer zu finden. Als ich vom See zurück kam, haben ein paar junge ausländische Studenten das Schaf an seinen Hörnern zum See gezerrt. Dort werden wohl die beiden ihr Ende gefunden haben.

Das Schaf am Wohnheim.

Ich selbst bin eingeladen worden, mit einigen anderen zusammen zu Feiern. Meine Wohnung liegt dabei sehr gut, von Universitäten umringt. Im Norden die Wuhan University, im Osten die Central China Normal University, im Süden die Wuhan University of Technology. Also hat mich Paola, von meiner Uni, über Bekannte der zweiten Uni, zu ‘nem Platz an der dritten Uni gebracht. Der arabische Anteil an den ausländischen Studenten ist übrigens in der zweiten Uni enorm. Am Ende waren wir eine internationale Gruppe aus gut dreißig Frauen und Kindern. Die Männer haben woanders gefeiert. Die Kinder waren herausgeschmückt ohne Ende. Die Mädchen in weißen Brautkleidchen mit Schleiern und Krönchen, die Haare wunderschön und bunt frisiert, die wenigen Jungs in Anzügen. Sehr fesch. Beim Rest sind vor allem die Jemenitinnen und die Frauen aus dem Oman aufgefallen. Die Ersteren traditionell komplett in schwarz, die Zweiteren in prachtvollen, bunten, glitzernden, bestickten Gewändern. Der Rest lag dazwischen. Ich denke nicht, dass ich alle Nationalitäten weiß, aber zumindest waren noch Frauen aus Algerien, Tunesien und dem Irak da. Ich habe nicht mit allen gesprochen. Gesprochen wurde in arabisch-englisch-chinesischem Mischmasch. Zuerst wurde geredet, bis das Essen fertig war und wir alle zusammen in einem großen Raum gegessen haben. Das Essen war tendenziell indisch, es gab orange-gelben Reis, Tomatenraita, Salat, Fleisch mit Kartoffeln und Brot. Natürlich ausschließlich Schaf. Es war sehr lecker.

Festmahl

Ich bin seit Kurzem nicht mehr alleine im Bett, habe wieder jemanden zum Kuscheln. Mei Yangyang, aus meiner geliebten Fernsehserie „Xi Yangyang“, in der der dumme, böse Wolf, von seiner dominanten Frau, die als Prinzessin im Schloss im Wald lebt, dazu getrieben wird, die vielfältige Schafkolonie zu überfallen. Er schafft es nur nie so Recht.

Meiyangyang