Internationales Tohuwabohu
Schon wieder habe ich sehr lange gewartet, bis ich einen neuen Blogeintrag schreibe. Aber es ist viel passiert.

Die Kirschblüten kamen und gingen. Es war faszinierend ihnen zuzusehen, jeden Tag sahen sie anders aus. Von anfangs wenigen weißen Blüten zu einer einzigen weißen Blütenwolke, die dann langsam ihre Dichte verlor. Der Boden unter den Bäumen wurde langsam weiß und die Bäume immer grüner. Und auf einen Schlag waren die Blüten weg und die Bäume waren grün. Und ich bin ganz froh, dass es vorbei ist. Keine Menschenmassen mehr, die die Unibusse behindern und umständliche Routen und lange Fahrtdauer verursachen, keine nervige Studentenausweiskontrolle an den Eingangstoren mehr, keine planlosen Touristen die verzweifelt versuchen auf grottenschlechten, dafür aber sauteuren Karten vom Unigelände ihre Position zu ermitteln. Wobei, Touristen gibt es noch immer. Aber sie sind zu spät. Nein, eigentlich stimmt das nicht, die Kirschen waren dieses Jahr zu früh dran. Jetzt geht es aber weiter. Ich kenne eigentlich fast nichts, was hier wächst. Und so werden aus unscheinbaren, vom Wuchs an Apfelbäume erinnernden kahlen Bäumen wunderbare Gewächse: Ich dachte am Anfang, das gar nichts mehr an ihnen sprießen wird. Bis sich allmählich kleine Knospen gebildet haben, aus denen jetzt riesige zarte rosane Blüten hervorquellen. Alles grünt und blüht, die Entengrütze auf den Uniteichen hat sich ihr Revier zurückerobert. Und die Palmen blühen. Davon muss ich eigentlich noch ein Foto machen, weil das ziemlich witzig aussieht.

Für die Natur ist jedoch nicht allzu viel Zeit. Neben der Uni unter der Woche, sind jetzt auch die Wochenenden stressig. Das ist jedoch nicht negativ gemeint. Da wir jetzt wieder am Wohnheim wohnen, lernt man viel leichter Leute aus diversen Ländern kennen. Und aus solchen Begegnungen werden Freundschaften, und die müssen gepflegt werden. Also Essen gehen im 50 Minuten Busfahrt entfernten Fischrestaurant (es war köstlich!), Verabredungen zum Tee trinken, „Mal schnell vorbeischauen“ und dann in Gesprächen die Zeit vergessen. Ich habe wenigstens keine sportlichen Verpflichtungen, im Gegensatz zu Mohamed. Nächtliche Fußballspiele, afrikanische Fußballwettbewerbe etc. Aber es macht das Leben auf alle Fälle spannend und abwechslungsreich.

Das Wohnheim mit den Einzelzimmern.

Unsere neue Wohnung, von der ich immer noch keine Fotos gemacht habe, sieht recht kahl aus, insbesondere im Vergleich mit den Wohnungen anderer Studenten. Aber sie wird auch kahl bleiben, da wir uns dazu entschlossen haben, das Geld in den verbleibenden vier Monaten lieber anderweitig zu nutzen. Also bleibt es kahl, ohne Teppiche, besondere Möbel etc. Aber wir haben uns immerhin ein kleines Tischchen und einen Duschkopf gegönnt. Letzterer war nämlich nicht vorhanden, und das scheint Standard zu sein. Leider tropf dieser, jetzt ist das Bad immer nass. Die alte Wohnung war auf alle Fälle luxuriöser, aber das macht einen gewissen Reiz im Wohnheim aus. An jedem meiner drei bisherigen Wohnorte habe ich jeweils eine Kakerlake gefunden. Ansonsten war es ruhig. Bisher. In unserem Wohnheim gibt es eine Art Zentralbelüftung, die im Winter Wärme spendete. Schon früher hörte ich es dort manchmal kratzen und rumpeln. Anfangs hielt ich es für Reparaturarbeiten, dann für einen Marder, was mir dann aber doch etwas absurd vorkam. Bis wir es dann eines Tages gehört haben, das quietschen und fiepen. Also eher Mäuse. Nicht ideal, aber es könnte schlimmer sein. Und es wurde schlimmer. Neben dieser Zentralbelüftung gibt es im Bad noch eine Lüftung, die nicht funktioniert. Dazu gibt es auch eine leicht beschädigte Klappe im Bad. Und eines Tages habe ich es am Mülleimer im Bad rascheln gehört. Dort duftete eine mittlerweile vergorene, pakistanische Süßigkeit vor sich hin. Also habe ich nachgesehen. Und ich hätte es lieber nicht machen sollen. Es wohnen keine Mäuse bei uns. Aber Ratten. Und sie leben geschützt, warm, trocken, ohne natürliche Feinde und rundumversorgt in der Lüftungsanlage. Folglich sind sie fett und groß. Ich habe hier schon Ratten auf der Straße gesehen, aber die führen ein anderes Leben und sind wahrlich mickrig im Vergleich. Die dicke fette graue Ratte ist also erst mal abgezogen, durch die beschädigte Klappe im Bad zurück ins Lüftungssystem. Dabei hat sie jedoch ihren dicken, langen unbehaarten Schwanz vergessen einzuziehen. Ein Schlag mit dem Schuh gegen die Klappe hat sie vertrieben. Ja, zum Thema Schuh… Sie war so groß wie mein Schuh, und auch gut so dick. Nach kurzem hat es wieder geraschelt, diesmal war es eine schwarze, etwas schlankere Ratte, die sich auch hinter die Klappe verzogen hat. Nach einer kurzen Pause hat sie hervor gelugt, und ihr spitzes Gesicht mit den Kugelaugen fand mich wohl nicht geheuer. Auch sie ist verschwunden. Aber ich weiß, wo sie herkommen, und ich weiß mittlerweile auch, wie sie sich verhalten. Sie folgen nur dem Geruch, unter anderem mögen sie Bananen. Sie gehen nur den Weg vom Loch bis zum Abfalleimer, der wenn möglich nachts nichts Duftendes enthalten sollte. Tagsüber sind sie ruhig. (Nachtrag: Dachte ich zumindest, bis eben. Sie kommen auch tagsüber, und sie stehen auf Blumen. Und ich habe sie mir im Gedächtnis versucht kleiner zu machen, aber es sind wirklich solche Riesen!) In unserem dauernassen Bad, das ich vor dem Schlafen vor der Klappe gründlich putze, kann man ihre Tapser sehen. Sie kommen selten. Und nach einem gehörigen Schrecken am Anfang, habe ich mich schon fast an sie gewohnt. Nur mache ich die Badtür noch besser zu (sofern das eben geht ohne irgendwas zum zu machen). In das Zimmer sind sie noch nie gekommen. Aber zurück zu den schönen Sachen der neuen Wohnung. Die Ruhe genießen wir gerne mal nachmittags oder auch abends bei Tee vor der Tür, unter blühenden Bäumen. Wenn denn mal Ruhe ist. Da geht es ja schon wieder weiter. Hier wohnen viele Afrikaner, und irgendwie feiern die gern. Der Rekord war wohl letztes Wochenende, eine riesen Geburtstagsfeier. Als Vorbereitung wurde schon den ganzen Nachmittag gegrillt, und abends war Musik, Büffet und Unmengen an Menschen haben es genossen. Um vier Uhr morgens habe ich sie dann mal gebeten, etwas leiser zu sein. Immerhin hat es funktioniert. Ansonsten gibt es hier immer was zu feiern: indisches Farbenfest, an dem alle buntbeschmiert herumtollten; thailändisches Wasserfest, an dem sich alle gegenseitig Eimerweise Wasser über den Kopf schütteten. Und so weiter.

Dann hatten wir eine schöne Abwechslung, als Carolas Schwester uns für ein paar Tage aus Changsha besucht hat. Sie macht dort einen Auslandsaufenthalt mit High-School und Gastfamilie, wie ich es damals in Peking gemacht habe. Es war echt mal eine sehr angenehme Abwechslung. Der Platz in der Wohnung war ausreichend, und es hat sich endlich mal bewährt, dass wir die alte Matratze noch im Eck stehen haben. Wir haben ein bisschen Wuhan und die Universität besichtigt und uns ein sehr schönes Wochenende gemacht.
Mit Carolas Schwester am Unigelände.

Die Uni ist ganz gut angelaufen. Mit den wenigen Vorlesungen ist es auf alle Fälle angenehmer, wenn auch die Chinesen alles etwas stressig machen. Ich freue mich schon auf die kontrolliert durchgeplanten Vorlesungen und Semesterabläufe in Deutschland. Ohne plötzliche benotete Hausaufgaben (ich dachte nicht, dass ich nochmal Eigenwerte und Dichtefunktionen bestimmen muss) oder Professoren, die erst nach einem Referat sagen, was sie eigentlich haben wollen. Aber ich werde es noch ein Semester mitmachen.

Heute ist Feiertag. Ich hab mich sehr darauf gefreut. Es ist Totenfest, immer am 4. April. Das liegt wohl an der fast gleichlautenden Bedeutung von vier und Tod. Ich habe mich auf einen ruhigen Tag gefreut, sicher vor der Vorlesung am Donnerstag, die jene mit den urplötzlichen Hausaufgaben ist. Ein Feiertag, ach, wenn er doch so wäre wie in Deutschland. Wo man Ärger bekommt, weil man Rasen mäht, und das zu laut ist. Aber ich bin in China, in Wuhan, in einem Ausländerwohnheim. Und der Vorabend des freien Tages fällt auf einen Mittwoch. Und das ist sowieso schon der zweitschlimmste Tag der Woche, was das Feiern anbelangt. So wurde es mal wieder recht heftig. Gegen zwei in etwa habe ich geschlafen, und als ich morgens wach wurde, dachte ich, ich spinne. Die Afrikaner haben durchgemacht. Inklusive Musik, auf voller Lautstärke. Vor dem Mittagessen hat Mohamed sie dann mal gebeten endlich leise zu sein. Ich hoffe sie schlafen jetzt alle, und lassen mir wenigstens einen ruhigen Nachmittag.

So, und jetzt mach ich mir ‘nen Tee, genieße das warme Wetter (bewölkt, aber 24°C), bevor morgen der Regen alles wieder etwas abkühlt.