Frühling
Es ist ganz offensichtlich Frühling geworden. Momentan ist es zwar relativ kühl, es regnet seit Tagen bei etwa 12°. Aber vor Kurzem gab es einen abrupten Sommereinbruch, und es waren traumhafte Tage voller Sonnenschein. Und bei 29° im Schatten lässt es sich durchaus aushalten. Diese Temperaturschwankungen spiegeln sich in der Kleidung der Chinesen wieder. Man sieht Frauen in Wintermantel mit Pelzstiefeln gleich neben Frauen in kurzen Hosen in Ballerinas. Während mancher Chinese mit Mütze und Handschuhen unterwegs ist, trägt der nächste nur ein T-Shirt.

Vor allem aber die Natur erwacht zu grünem Leben. Begonnen haben die Forsythien, dicht gefolgt von den kräftig rosanen Pflaumenblüten, danach kamen die Magnolien. Und jetzt ist die Zeit der Kirschblüte.

Kirschblüten

Die Universität von Wuhan ist für ihre Kirschblüte berühmt, angeblich stammen die Bäume direkt aus Japan. Anfangs war es nur ein schöner Anblick, eine Straße ist komplett von Kirschbäumen gesäumt und im Laufe des Tages konnte man direkt beim Erblühen zusehen. Danach kamen langsam die Touristen, und die Leute, die das Geld der Touristen wollen. Zuckerwatte, Seifenblasen, Porträtmaler, Plastikblumenkränze, Souvenirs, …

Ich mit Verkäuferinnen von Plastikblütenkränzen.

Danach kam die Polizei, um den Verkehr zu regeln. Und zuletzt kamen die Eintrittspreise. An allen Toren der Universität sind Kontrollen. Wer keinen Studentenausweis oder ähnliches vorzeigen kann, muss für 20 Yuan ein Ticket für den Campus löhnen. Es kann schön sein, aber auch manchmal etwas nervig. Die Unibusse kommen manchmal kaum durch die Menschenmassen. Nadine war von dem ganzen völlig unberührt, ihre Eltern haben einen Obsthof. Ich persönlich finde das ganze recht hübsch anzusehen, aber die Chinesen machen etwas zu viel Spektakel darum.

Chinesische Freundschaften zu schließen ist etwas schwer, da die Interessen in meinem Studiengang hauptsächlich lernen und lernen sind. Bachelorstudenten haben etwas mehr Zeit, und zufällige Bekanntschaften bringen mehr Freude. Nachdem ich meine eine chinesische Freundin in der Mensa kennen gelernt habe, sind Mohamed und ich nach dem Abendessen einem Pärchen in die Hände gelaufen, mit dem wir uns gut verstehen. Die Chinesin studiert an einer anderen Universität, der South-Central University for Nationalities. Sie ist die erste Chinesin, die einer richtigen Minderheit angehört, also keine Han oder Hui oder Mandschurin (insgesamt gibt es über 50 chinesische Volksgruppen). Sie ist eine Salar aus Qinghai. Wir haben sie an ihrer Universität besucht, die traumhaft am Nanhu, dem Südsee gelegen ist.

Die Uni ist relativ anstrengend, obwohl ich nur drei Fächer habe. Zuerst muss ich auch noch meine Betreuerin überzeugen, dass es drei und nicht vier sind. Geophysikalische Geodäsie, mit enormem Arbeitsaufwand und seltsamen plattentektonischen Aufteilungen, Satellitengeodäsie mit Schwerpunkt auf Phasensprüngen und Mehrdeutigkeiten (ich werde allmählichen unsicher, was die richtigen deutschen Fachbegriffe sind), sowie ein mathematisches Fach, Ausgleichungsrechnung bei kinematischen Messungen und Kalmanfilter. Alles sehr interessant aber es schlaucht ganzschön. Ich hoffe, dieses Semester wird dennoch angenehmer als das letzte.