Nachtrag
Mit einiger Verspätung gibt es jetzt meinen Blogeintrag, der eigentlich am Wochenende fällig gewesen wäre. Ich kam einfach nicht dazu. Ich komm noch nicht mal zum Tagebuch schreiben.

Und weil ich ja so schön viel Zeit hab, mach ich doch gleich mal ein paar Fächer mehr für die Uni. Ich hab ja sonst nix zu tun. Also, eines meiner gewählten Fächer beginnt morgen. Zweimal die Woche eine neue Vorlesung, mal sehen wies wird. Interessehalber möchte ich nächste Woche in einen Kurs von Eli gehen, und in einem anderen bin ich jetzt auch mit ihr. Den kompletten Montagvormittag. Versteht mich nicht falsch, ich wollte den Kurs nicht belegen. Aber Samstagabend kam ein Anruf vom Professor, ob ich denn nicht den Kurs belegen will. Er ist auch vom GNSS Zentrum, an dem ich studiere (sozusagen mein Institut), da konnte ich schwer nein sagen. Immerhin sind die Kurse mit Eli zusammen auf Englisch, da fällt das Vokabular nachbearbeiten aus.

Es ist jetzt Herbst geworden, und zwar sehr schnell. Die Sonne ist immer noch sehr stark, wenn sie scheint wird es warm. Aber die Luft ist kalt, tagsüber nur 15 Grad, nachts um die 5. Wer jetzt sagt, ach komm, das ist doch gar nichts, in Deutschland hat's schon geschneit, dem zieh ich die Ohren lang! Setzt euch nur in eure schön beheizten Häuser, während ich hier friere! Die Fenster sind alle generell undicht, in meiner Wohnung ist ein von einer Tapete verdecktes Loch, für die Klimaanlage, die irgendwann mal kommen soll. Also alles sehr durchlässig. Und keine Heizung. Wirklich gefroren habe ich zum ersten Mal an einem sonnigen Tag, 17°C. Das ist nichts, mag man sich denken. Aber morgens hat es noch geregnet, folglich waren meine Turnschuhe nass. Und dann saß ich damit den ganzen Tag in meinem nach Norden ausgerichteten Computerzimmer, bei offenen Fenstern. Ich saß mit dicker Jacke und Strumpfhose da, und trotzdem habe ich gefroren. Der Regen ist auch so eine Sache für sich. China betoniert gern und alles. Mein Weg zur Uni besteht aus Beton, relativ unregelmäßig. Bei Regen verwandelt sich das alles in ein Gewirr aus Bächen und Seen, da das Wasser ja nur an sehr wenigen Stellen abfließen kann. Und dann die gewohnte Menge an Leuten, nur jeder dreimal so breit, da mit Regenschirm ausgestattet. Und, wie immer, schleichen sie mit Trippelschritten vor sich hin. Da krieg ich jedes Mal die Krise!

Im Wohnheim bin ich kaum mehr, ich fühle mich sehr wohl in meiner neuen Wohnung. Was ich am meisten liebe, ist der Blick aus dem Fenster. Wenn sich nachts bei schönem Wetter die Uferbeleuchtung in der Wasserfläche des Nanhu spiegelt, wenn die Hochhausfassaden morgens und abends schräg angestrahlt werden, wenn graue Wolken über die Stadt ziehen. Oder wenn man sich bei Nebel fragt, was denn da für Gebäude auf der anderen Straßenseite stehen. Wenn ich heimkomme, stelle ich mich meist erst mal auf den Balkon und genieße die Aussicht. Im 20. Stock zu wohnen hat schon seine Vorteile.

Ich esse immer besser, immer ausgiebiger. Nix Nudeln, es geht ins Restaurant. Und wenn nicht, dann gibt es tonnenweise Baozi und Windbeutel. Zusammen mit meiner sportlichen Untätigkeit, naja, ändert sich mein Körper etwas. Letzte Woche war ich zweimal koreanisch und zweimal japanisch essen. Lecker.

Zwei kleine Unierfolge hatte ich auch. Nach nur einer von zwei Wochen Bearbeitungszeit habe ich meine Berechnungen im Fach Zeitreihenanalyse abgegeben. Als eine von dreien, da haben meine Kommilitonen ganz schön geschaut. Und heute durfte ich, als eine von sechs, die Powerpointpräsentation über trigonometrische Höhenmessung auch noch vortragen. Und ich bin für mein Chinesisch gelobt worden, und dass ich so anders denke, und alles schön auf den Punkt bringe. Nur mein Fachvokabular war nicht so ganz zutreffend. Vertraut nicht auf Wörterbücher! Der Kommentar des Professors war in etwa so: Naja, man versteht schon, was du sagen willst, aber in China sagen wir das nicht so. Naja, lief besser als erwartet.

Im Vorhinein habe ich gehört, Wuhan sei so dreckig und hässlich. Ich finde es sehr schön hier! Insbesondere Wuchang, also der Teil südlich des Jangzi, wo ich wohne. Viel Grün, viele Bäume und natürlich Seen. Nadine meinte, Wuhan ist blau. Und sie hat absolut Recht damit! Nein, damit ist nicht Wasser gemeint! Wuhan renoviert sich, alles wird neu- oder umgebaut. Und Bauzäune sind in China nun mal blau. Und sie sind wirklich überall. Ja, und die Luftverschmutzung. Man müsste meinen, hier gäbe es eine hohe Feinstaubbelastung. Aber ich kann euch beruhigen, hier gibt es keinen Feinstaub. Nur Grobstaub. Ich habe einen weißgefliesten Balkon. Ich wische ihn jede Woche, nur um mich jedes Mal wieder zu wundern, wie weiß er doch eigentlich ist! Lars hat von weißen Pullovern berichtet, die frisch an der Leine an der Luft getrocknet nicht mehr weiß waren. Und wenn ich nach dem Duschen mein Gesicht in einem frischen Handtuch versenke, hole ich tief Luft und genieße den Duft der Autoabgase.