Sonntag, 21. April 2013
sommerlicher Kurztrip
Mit eilenden Schritten ist es mittlerweile Sommer geworden. Leider habe ich die prachtvollen Blüten nicht alle fotografiert, da ich im Generellen ziemlich faul geworden bin, was das Fotografieren anbelangt. Es gab unter anderem einen Baum mit Glockenblumen-Fingerhut-ähnlichen lilablassblauen Blüten, an dem ich jeden Tag vorbei gegangen bin. Auch hätte der kleine Sternensee mit seinem Pavillon sowohl zur Kirschblüte als auch mit den danach folgenden rosa blühenden Bäumen ein wunderbares Fotomotiv abgegeben, aber ich habe lieber die Mittagspause im Pavillon selbst verbracht und den relativ erfolglosen Angelversuchen oder den ebenfalls erfolglosen Versuchen den See von Entengrütze zu befreien zugesehen. Aber wenigstens mit den blühenden Palmen hatte ich Erfolg:

Palmenblüte

Seltsamerweise habe ich zwar viele Bäume blühen sehen können, aber keine Blumen am Boden. Die Tierwelt ist auch sommerlich geworden, die Katzen tragen ihre Jungen aus (mittlerweile dürften auch die letzten geboren worden sein) und auch die enormen bedrohlich skorpionähnlichen Hirschkäfer sind wieder in der Abenddämmerung unterwegs. In Massen, sodass es schwer fällt keinen zu zertreten. Mit dünnen Stoffschühchen ist das eine unangenehme Vorstellung. Wobei mir diese Käfer viel lieber sind als die 15 cm langen Tausendfüßler, die sehr schnell und unberechenbar über die Straßen flitzen. Auch die Vogelwelt ist vielfältig, zu den Blauelstern hat sich viel dazugesellt, morgens zwitschert es vielfältig. Leider kenne ich bei den Vögeln, genauso wie bei den Pflanzen, sehr wenig. Also es gibt hier Wiedehöpfe. Und riesige Vögel, die aus den Palmen Nestbaumaterial zupfen. Alles sehr schön. Zum Glück scheint die Vogelgrippe ja noch nicht in Wuhan angekommen zu sein.

Wo wir schon bei der Tierwelt sind, es sieht so aus als hätte ich die Ratten unter Kontrolle. Nach einigem Kopfzerbrechen habe ich eine einfache Idee ausgeführt, und sie scheint zu funktionieren. Ich habe das Rattenloch einfach mit dickem fettem Klebeband versiegelt. Und entweder mögen sie das nicht, oder meine seltene Nahrungsquelle ist nicht wichtig genug. Ich habe Ruhe. Sie können (hoffentlich) Bananenschalen nicht mehr bis in ihre Wohngänge riechen, und vor allem muss ich die Ratten nicht mehr riechen. Das war durchaus ein wichtiger Faktor bei der ganzen Sache. Nur manchmal höre ich sie noch in der Klimaanlage herum trampeln.

Die Uni ist weiterhin stressig, aber vor allem habe ich keine Lust mehr. Es ist alles so planlos und unkontrolliert. Ich habe keine Ahnung wie lange meine Vorlesungen dauern, welcher Art meine Prüfungen sind und welche Lehrmaterialen von Bedeutung sind. Es nervt!

Abwechslung bieten dabei internationale Kochabende, die bei Nadine spontan eingerichtet wurden. Sie ist die glückliche Besitzerin einer Kochplatte und zweier Töpfe. In einer etwa sechs Leute umfassenden Gruppe kochen wir gelegentlich zusammen, von tunesischem Gulasch über Königsberger Klopse bis hin zu Salat.

Unsere Wohnung ist mittlerweile wohnlicher geworden. Vor kurzem ist ein Zimmer frei geworden, das am nächsten zum Eingangsbereich liegt. Vermutlich ist es dem Studenten darin zu laut geworden, denn dort ist der Feierort. Mittlerweile sind die Feiern jedoch etwas leiser geworden, dafür dröhnen jetzt auch tagsüber manchmal die Lautsprecher. Aber wir sind nicht die einzigen, die das nervt, und die darüber klagen. Des Öfteren sind draußen laute Diskussionen, die mit lauter Musik abwechseln. Naja, jedenfalls haben wir die Putzfrau, mit der wir uns recht gut verstehen, Tante Yang, angehauen, dass wir gerne ein paar Möbel aus dem Zimmer nehmen würden. Eigentlich Basisausstattung, aber bei uns gab’s die eben nicht. Seitdem haben wir ein Regal und ein Nachttischkästchen, das als „Küche“ fungiert. Und unsere zweite Matratze haben wir stattdessen dort gelassen.

Neben der Umwelt hat vor allem das Wetter sommerliche Atmosphäre entwickelt. Tagsüber 30°C sind eigentlich echt nicht schlecht, aber wenn es dabei bedeckt bleibt, bin ich doch ganz froh. Die Sonne brennt hier unheimlich! Immerhin liegt Wuhan auf gleicher Höhe wie Kairo. Mohamed ist bei seinen unzähligen sportlichen Aktivitäten auch ganz schön braun geworden.

Am bisher wahrscheinlich heißesten Tag haben wir jedoch einen Abstecher in den kühlen Norden, nach Peking, gemacht. Dort herrschten angenehme 19°C und strahlender Sonnenschein. Morgens ist es aber sehr frisch! Wir sind mit dem Nachtzug hin, haben einen Tag dort verbracht und sind dann mit dem Nachtzug zurück. Bei der Buchung haben wir leider festgestellt, dass es nur noch die teuren Liegewagen gibt, weshalb wir dann doch lieber einen Sitzplatz genommen haben. Leider. Zehn Stunden irgendwie versuchen zu schlafen. Letztlich habe ich mich quer auf unsere zwei Sitze gelegt, während Mohamed den Fußboden mit Jack gepolstert hat. Viel Schlaf war es trotzdem nicht. Da wir einiges zu erledigen hatten und wir ziemlich müde waren, war das Programm sehr einfach.

Der Qianhai-See in Peking.

Vormittags haben wir um die Seen Qianhai und Houhai etwas die Atmosphäre der alten Pekinger Hutong-Bauten genossen (und dazwischen die Rikschatouren insgesamt sechs Mal abgewimmelt), mittags haben wir uns stundenlang in ein italienisches Cafe, dass hauptsächlich von Deutschen frequentiert war, zurückgezogen. Nachmittags gab’s dann eine Taxifahrt zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten und zum Abschluss natürlich leckere und teure Pekingente.

Pekingente

Die Warterei am chaotischen Westbahnhof war unangenehm, und eine rabiate chinesische Rentnertruppe hat mir gänzlich die Laune verdorben. Und dann konnten wir unseren Schlafplan nicht umsetzen, da wir einen Viererplatz mit Tischen hatten, also der Fußboden durch Füße anderer Leute besetzt war. Also versucht, doch noch einen Schlafwagen zu bekommen. Upgrade gegen Aufpreis. Leider kam bald die Absage, es ist nichts frei. Kurz vorm Einschlafen steht dann der Schaffner da, wir sollen schnell mitkommen, es gibt doch noch was. Juhu! Der gute Schlaf hat unseren Ticketpreis fast verdoppelt.

Peking ist deutlich anders als Wuhan, und, von uns aus gesehen, sehr viel schöner. Peking ist ruhiger und nicht so überlaufen. Man findet Platz auf den Gehsteigen und alles ist leiser und nicht so stressig. Etwas Sorgen mache ich mir um das Wuhaner Wetter. In Peking sind es im Sommer auch gerne 38°C, jetzt sind es dort nur 20°C. Hier in Wuhan sind es allerdings jetzt schon 30°C! Wie wird das erst im Sommer? Jetzt verstehe ich langsam, was es mit dem Namen „Backofen Chinas“ für die Städte Wuhan, Nanjing und Chongqing auf sich hat…