Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht. Ich bin jetzt schon seit drei Wochen hier! Mir kommt es vor, als wäre ich erst gestern angekommen.
Mittlerweile ist schon ein gewisser Alltag in mein Leben eingekehrt. Wann ich mit wem wo essen gehe, Wäsche waschen, putzen. Und natürlich Studieren.
Mittlerweile ist unsere Gruppe deutscher Studenten weiter gewachsen, wir haben Zuwachs aus Niederbayern bekommen. Damit ist der Zuwachs in meinem Fachbereich, oder eher angrenzenden Gebieten, gestiegen. Während Michael hier für drei Jahre ist, um seinen Doktor in Fernerkundung zu bekommen, ist Elisabeth hier für ein Jahr, um den Master in Fernerkundung zu machen und einen Doppelabschluss von der TUM und der WHU zu bekommen. Wir sind sowohl fachlich, als auch räumlich, im gleichen Eck.
Wuhan kenne ich auch schon ein bisschen besser, aber wirklich nur ein bisschen. Michael hat uns nach Guanggu begleitet, einem modernen Shoppingzentrum ums Eck. Das interessante an dem Ganzen, sind nicht die modernen Kaufhäuser, sondern die europäische Idee dahinter. Wir sind die spanische Straße entlang flaniert, mit kleinen Balkonen, Eisdielen und Statuen von Flamencotänzerinnen und Stierkämpfern. Die deutsche Straße ist im Bau, die Abbildungen auf den Baustellenzäunen sehen dabei äußerst vielversprechend aus. In dem Eck ist neben der Architektur auch noch was anderes europäisch – nämlich die Preise.
Des Weiteren war ich im Stadtteil Hankou, gezwungenermaßen, unterwegs. Ich hatte meinen Pass abgegeben, und war dort, um ihn, mitsamt meiner neuen Aufenthaltsgenehmigung, wieder abzuholen. Allerdings war ich zu früh dran, und hatte eine Stunde zu warten. In strömendem Regen. Also auf die Suche nach einem Unterschlupf gemacht. Typisch chinesische Aufenthaltsorte sind ausschließlich Restaurants, aber nach Essen war mir nicht zumute. Letztlich habe ich dann ein Cafe gefunden, sehr hübsch, sehr europäisch, sehr bequem. Mit 3€ für einen Kaffe entsprechend teuer. Das Publikum war ausschließlich ausländisch, neben mir hat ein weiterer Ausländer die Zeit bis zum Pass abholen überbrückt. Letztlich hat aber alles geklappt und ich bin jetzt stolzer Besitzer einer Aufenthaltsgenehmigung bis nächstes Jahr. Und ich bin sehr froh, meinen Pass wieder zu haben, es ist doch ein seltsames Gefühl, ohne Papiere unterwegs zu sein.
Ich habe auch meinen Studentenausweis bekommen, aber ich durfte ihn gleich ändern lassen. Entgegen meiner Erwartung, bin ich ja nicht Studentin am Institut für Vermessung und Kartierung, sondern am GNSS Forschungszentrum. Und da die Fakultät bzw. das Institut im Ausweis steht, muss das Ganze nochmal neu gemacht werden. Was mir jedoch am meisten fehlt, ist die elektronische Karte, mit der man in der Mensa, im Unibus und in den Unisupermärkten zahlen kann. Hier am Wohnheim ist es kein Problem, man kann in der Mensa an einem Tresen zahlen, und bekommt einen Wertzettel dafür. Leider scheint es das bei der Mensa, wo ich Vorlesungen habe, nicht zu geben. Zum Glück habe ich nette Kommilitonen!
Die neuen Studenten der Bachelorstudiengänge müssen hier, ebenfalls wie beim Übertritt in die gymnasiale Oberstufe, ein Militärtraining absolvieren. In feschen Uniformen heißt das stramm stehen, laufen, marschieren, drehen etc. auf Kommando.
Meine liebe Mitbewohnerin Paola und ihren Mann Ahmed durfte ich in deren Uni besuchen, der Huazhong Shifan Daxue, also der Central China Normal University. Die ist gleich südlich meiner Uni, da muss ich von meinem Institut aus nur über die Straße gehen. Was den Komfort für Ausländer in den beiden Unis angeht, hat die Huashi doch ein paar Pluspunkte. Moderne Wohnheime, mit Aufzug, hotelartig. Masterstudenten, wie Ahmed, haben ihr eigenes Zimmer mit großem Bett, großem Schreibtisch, eigenem Bad. Und alles neu und sauber. Da ist mein Wohnheim ein heruntergekommenes Dreckloch im Vergleich. Es war sehr schön, wir haben noch einen Mexikaner aufgegabelt und waren zusammen Pizza essen. Noch besser war davor aber das gemütliche Teetrinken mit jemenitischen Süßigkeiten bei Ahmed im Wohnheim.
Das Wetter hat sich gebessert, es ist nicht mehr so heiß, und vor allem nicht mehr so schwül. Nach einigen Regentagen, an denen es richtig kühl war, ist es nun trocken, klar, sonnig bei angenehmen 25 bis 28 Grad.
Ich hatte diese Woche meine ersten Vorlesungen. Zuerst einmal Raumgeodäsie. Das kenne ich letztlich zwar wahrscheinlich schon alles, aber auch Chinesisch ist das Ganze dennoch hörenswert. Zeit- und Raumsysteme, SLR, LLR, VLBI etc. Der Professor spricht sehr schnell, aber die Powerpointfolien sind sehr ansprechend. Ähnlich wie in Deutschland, werde ich hier eine Art Belege machen müssen, „Hausaufgaben“, die 40% der Abschlussnote ausmachen. Noch hat das nicht angefangen. Die zweite Vorlesung, naja. Samstagvormittag, von acht bis halb zwölf. Mathe. Höhere Algebra. Matrizen. Sowieso schon äußerst motivierend. Und dann kommt da der Professor, meint er will alles sehr schnell durchmachen. Ausrichtung ausschließlich am Lehrbuch (hier gibt’s zu jeder Vorlesung ein entsprechendes Lehrbuch), das per pdf vorne angezeigt wird. Ausschließlich Theorie!!! Es kam ein einziges Zahlenbeispiel dran, mit dem Kommentar, seht euch das zuhause an! Nur irgendwelche bescheuerten Determinanten, und wie man das dann als Summe schreiben kann etc. Die mathematischen Schreibweisen unterscheiden sich dabei von denen in Deutschland! Ganz zu schweigen von der Sauklaue des Lehrers, der noch dazu die Tafel immer ganz unten hielt, was die Sichtbarkeit in einem nicht-gestuften Vorlesungsraum in keiner Weise erhöht hat. Ich habe kein Wort verstanden! Einige meiner Kommilitonen sind nach etwa der Hälfte der Vorlesung gegangen. Auch sie haben kaum was verstanden, der junge Herr, der sich sehr wichtig vorkam, mit der Hand in der Hosentasche und einem „ok?“ nach jedem Satz, sprach nämlich dankenswerterweise kein Hochchinesisch.
Aus „meinem“ Gebäude konnte ich in abendliches Foto mit Blick über „meinen“ Campusbereich machen.
Laut Filmen gibt es Insekten, die einem ihre Fähigkeiten durch einen Biss/Stich übertragen können. Spinnen in den USA zum Beispiel. Mich hat folglich vermutlich ein Drache gebissen. Zumindest brennt mein Hals und meine Lunge wie Feuer. In der Apotheke konnte mir schnell geholfen werden, in einer gekonnten Mischung aus traditioneller und westlicher Medizin: Antibiotika und ein Kräuteraufguss.
Ähnlich meinem tollen Bachelorjahrgang in Deutschland, gibt es auch hier gemeinschaftliche Aktionen. Zum Karaoke singen konnte ich leider nicht mit, weil ich an dem Nachmittag meinen Pass geholt habe. Aber gestern sind wir geschlossen (fast 30 Leute) essen gegangen, aufgeteilt auf drei runde Tische. Wir haben geschlemmt! Und vor allem der männliche Anteil hat auch getrunken, was am Ende durchaus amüsant war. Es war ein sehr schöner Abend, der noch lustiger weiterging, als wir uns am Sportplatz zusammengesetzt haben und unseren Spaß hatten. Ich bin relativ bald gegangen, da ich zu Fuß dreißig Minuten unterwegs bin, auf teilweise unbeleuchteten Straßen. Und je später es ist, desto aggressiver reagieren die Straßenhunde.