Samstag, 8. September 2012
Eingewöhnung
Ich habe festgestellt, dass es sehr hilfreich ist, ein Tagebuch zu führen. Denn, obwohl nur eine Woche seit meinem letzten Eintrag vergangen ist, habe ich das Gefühl, es ist so viel auf einmal passiert.

Zuerst mal zu den lieben Kommentaren von euch. Vielen Dank, freut mich zu sehen, wer das hier so alles liest. Es ist sehr schwer zu sagen, wie China riecht. Anders als alle anderen Länder, die ich kenne. Wobei das vor allem in Huairou der Geruch war, der mir sehr bekannt ist. Hier in Wuhan kommen noch neue Gerüche dazu. Neulich war ich mal nachts auf dem Unigelände unterwegs, in dichtestem Wald, und auf einmal hat es gerochen wie Chai Latte, würzig, exotisch. Ich würde gerne wissen, was das für Pflanzen sind, die auf diesem Stück wachsen und solche Gerüche hervorrufen.

Im Supermarkt gibt es hier alles! Egal wie klein diese sind, eine Mindestauswahl an Haushaltswaren ist immer zu finden. Und dazu gehört neben Bettzeug auch Putzutensilien, Kochgeschirr, Waschschüsseln etc.

Die Leute hier sind einfach chinesisch. Also sprechen sie Laut, leben viel von ihrem Leben auf der Straße, … Es ist schwer das alles hier aufzuschreiben, weil es für mich nicht neu ist. Also ich jetzt nicht genau sagen kann, was mir daran besonders auffällt oder neu ist. Es ist, als ob in meinem Herz und Kopf der Schalter von Deutschland auf China umgestellt wurde, und es einfach wieder alles wie früher ist. Einfach normal.

Das mit Bildern ist so eine Sache. Früher hätte ich hier etwa alle hundert Meter ein Foto gemacht, aber es ist eben einfach alle normal. Ich habe mich jetzt gezwungen ein paar Bilder zu machen, um ein bisschen von dem Ganzen wiederzugeben. Vielleicht kommt ja meine Fotolust mal wieder, dann werde ich wohl mehr zeigen können.

Allmählich habe ich mich wirklich eingelebt. Ich kenne meine für mich wichtigen Ecken schon ziemlich gut, habe meine Standardsupermärkte und Straßenrestaurants, ich kenne die wichtigen Wege auswendig und habe die kürzesten Verbindungen gefunden. Ich kann ohne große Probleme eine Straße ohne Ampel überqueren und wundere mich nicht mehr über den Geräuschpegel, sowohl natürlich als auch menschlich, um mich herum.

Ich hab euch ein Video herausgesucht, auf dem mal ein paar Eindrücke (oder auch ein paar mehr) von der Uni zu sehen sind, vielleicht hilft das ein paar Leuten, sich das Ganze besser vorzustellen. Ich hätte schon zweimal die Möglichkeit gehabt einen tollen Blick über die Uni aus einem Gebäude am Südrand der Uni aufzunehmen, aber ich hab mich nicht getraut. Schließlich bin ich ja Student und nicht Tourist.
http://v.youku.com/v_show/id_XMzkyMzI0.html

Auf dem Bild, das man hier hoffentlich sieht, ist unten der Bereich eingekreist, wo ich Uni hab, und oben rechts hab ich mein Wohnheim markiert.
Campus der Wuhan University

Mein hauptsächlicher Aufenthaltsort in Essensangelegenheiten ist mittlerweile die Straße direkt am Donghu (Ostsee) geworden, die wirklich direkt ums Eck liegt. Dort gibt es neben mehreren kleinen Supermärkten vor allem Unmengen an Möglichkeiten ein billiges Essen zu bekommen. Dort gibt es einen Nudelstand, bei dem Nadine, eine andere DAAD Stipendiatin, und ich, schon fast Stammkunden sind. Nudeln sind sowieso mein Grundnahrungsmittel, in allen Variationen. Ansonsten gibt es häufig mal Baozi (gefüllte, gedämpfte Teigtaschen) oder auch mal gebratenen Reis oder eine wirkliche Mahlzeit in einem billigen Restaurant.
eines von vielen kleinen Straßenrestaurants

Von den Essgewohnheiten bin ich noch immer sehr chinesisch, ich esse auch die Sachen gern, bei denen manch einer den Mund verzeiht, wie tausendjährige Eier, Sojamilch, rote Bohnenpaste oder Hühnerfüße. Auch sonst komm ich gut klar.

Das Wetter ist sehr gut, nur sollte es mal wieder regnen, um Temperatur und Luftfeuchtigkeit zu senken. Abends ist es sehr schön, wenn alle Lichter leuchten, um einen herum die Chinesen essen und spazieren und die Fledermäuse über einem durch die Luft tanzen, während man am See sitzt und der Mond sich im Wasser spiegelt.

Mein Wohnheimszimmer habe praktisch für mich allein, weil meine Mitbewohnerin nur pro forma hier wohnt. Damit habe ich viel Platz, viel Ruhe, keinen nach dem ich mich richten kann, aber ich bin damit auch etwas mehr allein. Kein Problem, draußen gibt ‘s ja noch genügend andere Leute. Somit ist unsere WG jetzt zu dritt und komplett, und wir sind sehr international. Vier Leute von vier Kontinenten. Da hier nicht alle chinesisch sprechen, insbesondere da es hier einige Englischsprachige Studiengänge gibt, ist Englisch die Hauptumgangssprache zwischen den ausländischen Studenten. Wobei mir da sehr deutlich auffällt, wie eingerostet mein Englisch ist.

Am Donnerstag musste ich dann meine Rede halten. Nach mehrmaligen Korrekturen war sie fertig und ich hab noch ein paar Mal geübt. Ich war extrem aufgeregt! Morgens um 7 war Treffen, mit den besten Klamotten die ich hier habe. Neben mir waren als Auswahl der neuen ausländischen Studenten etwa 15 Leute mit und wir sind zusammen zum Veranstaltungsort unter freiem Himmel. Das Publikum war sowohl von den Leuten als auch der Umsetzung sehr chinesisch. In der Mitte vor der Bühne saßen streng und aufrecht vier Reihen Militärs, daneben haben sich in ebensolchen Reihen, aber weniger streng, dafür genauso akkurat, die chinesischen Neulinge nach Fächern sortiert aufgereiht. Alle saßen ganz brav auf kleinen Holzhockern. Dazwischen diverse Banner, an großen roten Ballons schwebend. Die Bühne war mit vier Stuhlreihen und Tischen für die wichtigen Personen ausgestattet, vorne in der Mitte der Direktor. Ich war fürchterlich nervös, wann ich denn schon mal auf die Bühne gehen soll, wie ich von dort wieder runter komme etc. Bis dann einer der Lehrer feststellte: „Ou Sha, da oben steht dein Name. Du sitzt auf der Bühne!“

Kleiner Einschub: Mein neuer Name, Ou Sha. Aus meinen früheren Aufenthalten hatte ich ja schon meinen chinesischen Namen, Danni, mitgebracht. Sehr ausländisch klingend meiner Erachtens, ursprünglich ohne Nachnamen, aber ok. Aber die Uni hat Namen verteilt, und ich hab 欧莎 abbekommen. Klingt schön, ist wirklich chinesisch und gefällt mir. Also hab ich nicht protestiert.

Zurück zum Geschehen: Ich bin also auf der Bühne gesessen, in der zweiten Reihe, also sogar noch mit Tischdecke und Tee zum Wasserfläschchen dazu. Gleich neben den Direktoren und wichtigen Professoren. Zuerst wurde die Flagge gehisst, dann hat der Direktor seine Rede gehalten, dann ein studentischer Vertreter, und dann ich. Ich war so nervös, ich musste das Blatt, auf dem meine Rede stand auf das Rednerpult legen, weil meine Hände so gezittert haben, dass ich es nicht halten konnte. Vor mir ein Meer aus Studenten (mehrere Tausend). Und ich hab meine Rede mit kleinen Fehlern gehalten – und endlich war es vorbei. Ich war erleichtert. Im Nachhinein haben viele gesagt, dass ich es sehr gut gemacht habe. Und so fürs erste Mal, und dann auch noch auf Chinesisch, denke ich war es schon ok.

Am selben Tag war noch eine Einführungsveranstaltung für meinen Studiengang. Als ich ankam, haben mich meine Kommilitonen dank der Rede schon gekannt. Überhaupt kennt mich jetzt die ganze Uni, ich höre es immer wieder um mich herum tuscheln. „Oh, schau mal, das ist die von der Rede.“ „Dreh dich mal um und schau, wer hinter uns geht.“ „Sag mal, ist das nicht die…“ Naja. Die Einführungsveranstaltung war super. Ein paar Professoren haben ihre Forschungsrichtungen vorgestellt und ein wichtiger Mann hat einen kleinen Vortrag gehalten. Da war ich baff. Ich habe viel von China erwartet, aber garantiert nicht so was! Die wichtigsten Personen an der Universität sind wir, die Studenten. Die Lehrer haben folglich uns zu dienen, und wir sollen alles sagen, was uns nicht passt, und kommen, wenn es Probleme gibt. Und andere Meinungen akzeptieren, schließlich sind die Gedanken ja frei. Und wenn die Möglichkeit besteht ins Ausland zu gehen, sollen wir das machen, und und und. Insgesamt ein sehr motivierender und beeindruckender Beitrag. Ziemlich lockere und freundliche Atmosphäre im Institut.

Die Studenten sind hier mittels QQ sehr gut vernetzt. Was wir in Deutschland im Bachelorstudiengang im Laufe der Zeit hinbekommen haben, steht hier schon nach einer Woche. Kontaktdaten, reger Austausch. Insbesondere, da wir eine eigene QQ Gruppe haben. Ich bin von allen sehr nett begrüßt worden, alle haben mir ihre Hilfe angeboten, insbesondere der BanZhang, eine Art Klassensprecher.

Durch meine freie Auswahl an Fächern, die mir ermöglicht wurde, beginnen meine Vorlesungen erst nächste Woche. Unter anderem die Samstagmorgen um 8 Uhr. Dennoch konnte ich schon was Fachliches erleben, da gestern ein Vortrag eines chinesischen Professors vom finnischen geodätischen Institut war. Er hat über die Weiterentwicklung von Smartphones zu Cognitive Phones referiert, über die Zielsetzungen, die verschiedenen Sensoren, Umsetzungsmöglichkeiten und den aktuellen Stand der Entwicklung. Wer jetzt fragt, was das mit meinem Studiengang zu tun hat, dem kann ich nur sagen: Da stecken lauter Rauminformationen drin, Navigation, GNSS gestützte Systeme. Es war sehr interessant, und ich habe viel verstanden (insbesondere da die dazugehörigen Folien chinesisch und englisch waren).

Und jetzt langt es mal wieder.